SM und Outing.

Mein Artikel aus den Schlagzeilen Vol. 60
zum Schwerpunktthema
mit dem Titel: Bedenken

Ich bin Tina, Weiblich und Masochistin!
Zum Thema SM und Outing, möchte ich folgendes sagen:

Ich habe mich lange mit mir und meinen Präferenzen beschäftigt, bevor ich mich meinem Mann anvertraut habe. Wir sind nun seit 16 Jahren verheiratet.

Vor ca. 4 Jahren fand ich bei Karstadt auf dem Grabbeltisch ein Buch, das oben auf dem Umschlag das Wort "Lust" enthielt. Da ich immer schon gerne Geschichten über guten Sex gelesen habe, griff ich zu. Als ich das Buch in der Hand hielt, las ich den ganzen Text. "Lust an der Unterwerfung". Ich war fasziniert und nahm meinen Schatz mit nach hause.

Das Buch wurde von mir "Verschlungen". Ich war nicht in der Lage es aus der Hand zu legen. Diese Frau beschrieb Gefühle, die ich hatte, jedoch nie zuordnen konnte. Ihre Kindheitsbeschreibungen hätten meine sein können ...
Nun wusste ich warum ich seit Jahren das Gefühl hatte, ruhelos zu sein und etwas zu suchen. Ich hatte es für mich gefunden. Ich war Masochistin. Ich wollte Schmerz.

Ich habe einige Wochen gebraucht, um es zu verdauen. Es war eine schreckliche und gleichzeitig eine schöne zeit für mich.
Nun wusste ich was ich will, aber wie bekomme ich es?
Wie sage ich es meinem Mann?
Bin ich nun Pervers?
Würde er mich verlassen?

In meinem Kopf ging es turbulent zu. Ich konnte mit einem Mal meinen Mann nicht mehr einschätzen.

Zeitgleich schenkte er mir einen Computer und baute auch ein Modem ein. AOL installiert und ins Netz gehen, war eins. Dann merkte ich ... wow, es gab auch noch andere "Perverse", ich war nicht allein.

Ich brauchte fast 2 Jahre, bis ich durch diverse Gespräche im Netz, den Mut fasste, meinem Mann die Wahrheit zu sagen. Er war schon seit einiger Zeit Eifersüchtig auf die Leute im Chat, weil ich mit ihnen über alles offen redete und mit ihm nicht. Er vermutete schon, dass etwas im Busch ist, aber ich rückte nicht damit raus.

Dann gab es Zoff wegen einem Chatpartner, der mit SM nun gar nichts am Hut hatte, dem ich aber viel erzählt hatte und den ich auch irgendwie mochte. Mein Mann fand einige Briefe und machte mir eine Szene. Er wollte mich verlassen, da er glaubte ich betrüge ihn.

Ich konnte ihn überzeugen, dass dort nichts war, dass es aber etwas anderes war. Nun wollte er wissen was los ist und lies keine Ruhe. Ich konnte immer noch nicht mit offenen Worten sagen: "Ich will das du mir weh tust, weil ich Masochistin bin". Ich war schrecklich gehemmt. Also gab ich ihm das Buch zu lesen.

Er liest nicht gerne, tat es aber mir zuliebe. Nach 2 Tagen in denen er sich durch das Buch gelesen hatte, fragte er nur: "Das ist alles"?

Nun hatten wir eine Grundlage auf der wir miteinander Reden konnten. Er fand es überhaupt nicht "Pervers" Er sagte dass es ihm schon aufgefallen ist, dass ich es beim Sex recht heftig mag ...

Es dauerte noch sehr lange, bis wir einen Konsens gefunden haben, damit um zu gehen. Er hat auch seinen Spaß mir weh zu tun, aber leider nicht so oft Lust wie ich es gerne hätte. Ab und zu versucht er eine Session mir zu Liebe zu beginnen. Allerdings merke ich schnell, dass er nicht bei der Sache ist. Ich habe ihm auch gesagt, dass es für mich am schönsten ist wenn er selber Lust hat. Nur dann kommt das richtige feeling rüber.

In den letzten 2 Jahren waren wir auf einigen Stammtischen und beim CSD. Auch einige Partys haben wir besucht. Erstaunlicher weise, habe ich weniger Probleme, mich fremden Menschen oder Freunden gegenüber zu Outen. Als unser Hausarzt einen Hausbesuch bei mir machte, und in unser Schlafzimmer kam, guckte er auf unseren riesigen Rahmen der das Bett zierte und die dort eingelassenen Ösen. Als er fragte, wofür das gut ist, sagte ich ihm das wir SM'ler sind und mein Mann mich dort fesselt. Er nickte nur wertfrei und die Sache War für ihn damit OK. Seit dem weiß ich auch dass ich zu ihm kann, wenn es wirklich mal Probleme nach einer Session gibt.

Meiner besten Freundin gab ich meine Homepage zu lesen. Sie fand es auch OK, für mich. Unser Verhältnis hat sich nicht geändert. Meine Mutter hatte vor 40 Jahren 4 Lokale auf dem Hamburger Kiez und deshalb ist ihr auch nichts fremd. Sie meinte auch nur: "wer es braucht ..."

Die Schwester meines Mannes weiß auch Bescheid, und beneidet mich ein wenig um mein Vertrauen und die Möglichkeit mich fallen lassen zu können. Sie lebt mittlerweile bei uns und hat auch keine Probleme damit, wenn ich mal mit etwas buntem Hinterteil durch den Garten flitze. Da wir bei heißen Sommertagen nur nackt im Garten herum laufen, habe ich mir nur etwas Leichtes angezogen, wenn die Kinder auch da waren.

Meine drei Mädchen (16, 18 und 20 Jahre) wissen im Großen und Ganzen auch was Sache ist, jedoch bin ich Nicht sicher, wie sie es aufnehmen würden, wenn sie mit den Ergebnissen einer Session konfrontiert werden. Deshalb halte ich mich in einer solchen Situation etwas bedeckt.

Mein persönliches Umfeld, weiß also Bescheid und ich brauche nichts zu verstecken, wenn ich mal Besuch bekomme. Nur bei uns im Dorf, bleibt es ein Geheimnis. Ich will auch gerne den Grund nennen.

Hier unterhalten sich die Frauen über die Kinder oder die Kühe die sie und ihre Männer haben. Zu jedem Dorffest wird Kuchen gebacken und Kaffee gekocht. Die Feuerwehr, in der mein Mann ist, hilft wo sie kann. Es ist hier alles etwas sehr Konservativ und ich glaube nicht, dass hier auch nur einer Verständnis für unsere Passion hätte. Da wir aber vor ca. 7 Jahren hier freundlich aufgenommen wurden und es wirklich schön ist, einer Gemeinschaft im Dorf anzugehören, möchten wir es uns nicht verscherzen.

Das ist auch der Grund warum ich nach reiflicher Überlegung nicht an dem Projekt "Bekennerschreiben" mit mache. Ich habe einfach bedenken, das jemand der mir Schaden will, mein Foto bekannt gibt. Sollten wir einen anderen Dorfbewohner auf einem Stammtisch oder auf einer Party treffen, so ist das OK weil er die gleichen Präferenzen hat und selber nicht auffallen will. Ich möchte nur nicht auf Grund meiner Sexuellen Ausrichtung geächtet werden.

Für jeden anderen, der damit keine Probleme hat, finde ich diese Aktion sehr gut. Nur finde ich nicht, dass Irgendjemand dazu gezwungen werden sollte, oder dass auf Stammtischen gesagt wird, nur auf diese Art bekommen wir die nötige Akzeptanz. Denn das halte ich sehr für unwahrscheinlich.